Jochen Mai

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Jochen Mai ist Deutschlands wohl führender Karriere-Experte. Er schrieb den Bestseller "Karrierebibel", betreibt ein erfolgreiches gleichnamiges Blog, arbeitet hauptberuflich als Ressortleiter "Beruf + Erfolg" bei der Wirtschaftswoche. Sein neues Buch heißt "Büro-Alltags-Bibel".

Was lernen wir in Sachen Karriere aus der Krise? – Neues wagen, weil lebenslange Festanstellung selbst bei Traditionsmarken wie Opel, Märklin, Karstadt keine Option mehr ist? Oder festhalten, was man hat?
Jochen Mai: Die Zeiten der Kaminkarrieren mit lebenslanger Anstellung sind ja nicht erst seit der Krise vorbei. Der Trend hat sich schon Ende der 90er-Jahre angekündigt und setzt sich seitdem fort. Allerdings hat ihn die aktuelle Krise interessanterweise verlangsamt. Warum? Weil die Unternehmen beim letzten Wirtschaftscrash mit dem Platzen der Dotcom-Blase gemerkt haben, dass sich radikale Entlassungswellen rächen. Sie kratzen am Image eines attraktiven Arbeitgebers, vor allem aber beschädigen das intellektuelle Kapital der Unternehmen. Denn die, die bei solchen Runden gleich mit von Bord gehen, gehören oft zu den Leistungsträgern. Zudem sind die Kosten für das Rekrutieren von Talenten ungleich höher, als jene, um solche Leute zu halten. Deshalb haben die Unternehmen in der jüngeren Vergangenheit auch vermehrt auf Instrumente wie Kurzarbeit oder Einstellungsstopps zurückgegriffen sowie Personalentwicklung, um die Besten zu halten. Für die Karriere heißt das im Kern: Eine hohe Spezialisierung und eine überdurchschnittliche Leistungsbilanz sind der beste Schutz vor Kündigung – und erhöhen gleichzeitig die Wahlfreiheit auf dem Arbeitsmarkt.

Bei einer Umfrage auf Deiner Website waren im August rund 70 Prozent der Leser bereit, ihren Job zu wechseln – 33 Prozent sogar lieber heute als morgen. Ein weiteres Drittel hätte den Schritt in Erwägung gezogen, wenn sie sich dabei verbesserten. Nur ein Viertel war mit seinem Job zufrieden. Was sagt uns das über die Risikobereitschaft der Deutschen?
Mai: Mit solchen Zahlen muss man vorsichtig sein: Die Bereitschaft zum Jobwechsel heißt noch nicht, dass die Leute tatsächlich wechseln. Sie spielen mit dem Gedanken – was allerdings in Krisenzeiten nichts Ungewöhnliches ist. Eine Langzeitstudie der R+V Versicherung etwa bescheinigt, dass der Arbeitsplatzverlust 2009 der größte Angstmacher der Deutschen ist. Das spricht nicht gerade für eine erhöhte Risikobereitschaft. Was man jedoch beobachten konnte, ist, dass sich tatsächlich einige Menschen selbstständig gemacht haben. Das waren aber vor allem hoch spezialisierte Fachkräfte mit langjähriger Berufserfahrung. Die erleben seit rund zehn Jahren, wie ihre bisherigen Arbeitgeber durch zwei heftige Krisen schlidderten. Und ich meine wirklich "schliddern": Kaum ein Management brillierte dabei durch planende Voraussicht, strategische Weitsicht, mutige Visionen oder innovativen Esprit. Jene Eigenschaften, die die Manager zwar oft von ihren Top-Leuten verlangen, ohne sie aber selbst vorzuleben. Kein Wunder, wenn sich die wahren Talente dann abkehren und lieber ihr eigenes Ding machen – schlicht, weil sie es können.

Ist die Zeit der großen Selbstverwirklichung im Job angebrochen? Oder gilt das nur für bestimmte Berufsfelder bzw. eine kleine Avantgarde?
Mai: Auch wenn die Antwort unbequem ist: Ich glaube, das gilt nur für eine Avantgarde. Die – und das ist die gute Nachricht – wächst allerdings in Deutschland. Zwei Entwicklungen sind dafür verantwortlich: Als Einwohner eines Hochlohnlands haben deutsche Arbeitnehmer nur eine Chance im internationalen Wettbewerb Schritt zu halten – sie müssen besser ausgebildet sein und spezialisierter arbeiten. Diese gefragten Spezialisten sind dann durchaus in der Lage, ihre Arbeitgeber und Arbeitsinhalte auszuwählen beziehungsweise mitzubestimmen. Die zweite Entwicklung hängt mit der zunehmenden Vernetzung bei den Dienstleistungsberufen zusammen. Breitbandinternet und immer leistungsstärkere mobile Rechner flexibilisieren die Arbeitswelt. Auch davon profitieren wiederum die Hochqualifizierten. Für einen Fahrzeugingenieur ist es schlicht egal, ob er das neue Supersparelektroauto daheim, im Büro oder in einer Palmenhütte mit Internetanschluss zusammen mit einem vernetzten Team entwickelt. Um im Bild zu bleiben: Der gering qualifizierte Monteur am Band hat diese Option allerdings nicht. Er muss in der Produktionsstraße stehen – und die wird sich dahin verlagern, wo die Löhne wettbewerbsfähig sind.

Job-Anforderungen ändern sich ständig, es heißt, die in zehn Jahren wichtigsten Berufe seien heute noch gar nicht erfunden. Was bedeutet das für Fortbildung, Karriereplanung, lebenslanges Lernen?
Mai: Das heißt vor allem, dass man heute nicht davon ausgehen kann, in zehn Jahren noch denselben Job zu machen wie heute. Je nach Naturell ist das für manche ein Bedrohungsszenario – für andere eine große Erleichterung. Letztere haben alle Karrierevorteile auf ihrer Seite. Denn tatsächlich geht es künftig darum, neue (mobile) Arbeitsweisen und Techniken möglichst rasch zu adaptieren, um so wettbewerbsfähig zu bleiben. Das klingt für Arbeitnehmer zunächst ungewöhnlich. Ich glaube aber, dass die Berufsform des "angestellten Unternehmers" die künftig vorherrschende Form ist: Wir alle sind dann mehr und mehr selbst dafür verantwortlich, in unsere persönliche Weiterentwicklung zu investieren – sei es durch Coaching oder E-Learning. Ich glaube nicht, dass die Arbeitnehmer die permanente Personalentwicklung noch lange als ihre Kernaufgabe ansehen werden, schon aus Kostengründen.

E-Learning wird einfacher und günstiger. Jeder kann zum Beispiel online Vorlesungen an Eliteunis besuchen, Menschen tauschen sich in Communitys wie Deiner aus. Eine wichtige Chance für ambitionierte High Potentials? Oder ein Feld, das jeder zunehmend beherrschen muss?
Mai: So wie die Bedeutung des sogenannten Wissensarbeiters steigt, gewinnt auch die Wissensgenerierung an Gewicht. Und dazu gehört das Kommunizieren und Vernetzen auf allen möglichen Kanälen: an den Unis, in Social Networks, in Fachgruppen, in Blogs. Überall dort wird Wissen ausgetauscht und weiterentwickelt. Das bedeutet aber zweierlei: Um Teil dieser Gruppen zu sein, kann man nicht nur Wissen einseitig absaugen, man muss eigenes Wissen auch mit anderen teilen. Präsentieren, diskutieren und vermitteln zu können sind daher mindestens ebenso wichtige Anforderungen für den Arbeitnehmer der Zukunft wie das Verstehen, Vernetzen und Lernen.

Es heißt, die Digital Natives verändern den Arbeitsmarkt, fordern mobile, flexible und weniger autoritäre Modelle. Unabhängig vom Buzzword – ist da etwas dran? Wie müssen sich Unternehmen umstellen, wenn sie künftig die besten Köpfe anwerben wollen?
Mai: Das ist ein klassisches Generationenthema: Jede Generation wird geprägt von den jeweils herrschenden gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Verhältnissen, die dann Werte formen, die das ganze Leben bestimmend bleiben – so jedenfalls argumentieren Generationenforscher. Die sogenannte Generation X, noch mehr aber die Generation Y (so werden sie im Fachjargon genannt), ist mit dem Computer und dem Internet aufgewachsen, geht damit spielerisch um und liebt es, sich zu vernetzen. Gleichzeitig legt sie großen Wert auf Selbstbestimmung und Anerkennung – obwohl sie sich am liebsten auf sich selbst verlässt. All das prägt auch die Ansprüche dieser Generationen an den Job und die potenziellen Arbeitgeber. Entsprechend flexible, komfortable und technisch ausgereifte Büros oder Heimbüros sollten die bieten können, wenn sie als Traumunternehmen infrage kommen wollen.

Dass Selfbranding wichtiger wird, scheint unumstritten. Was bedeutet das für die Karriereplanung? Gilt das überhaupt für Angestellte - braucht heute jeder Blog, Twitteraccount, Website? Oder was ist das Minimum, das man bedienen muss?
Mai: Jeder braucht sicher nicht alles. Und bei Weitem nicht jeder Arbeitnehmer muss zum Internet-Popstar mutieren. Woran aber keiner künftig vorbeikommt, ist, im Netz präsent zu sein – oder anders gesagt: auffindbar. Schon heute sondiert jeder zweite Personaler Bewerber über deren Online-Profile. Und ich gehe fest davon aus, dass es schon bald 80 bis 90 Prozent sein werden. Der Trend setzt sich im Privaten durchaus fort: Ich kenne Vermieter, die den Leumund potenzieller Mieter erst einmal im Internet durchchecken, bevor sie diese zur Wohnungsbesichtigung einladen. Wir holen uns Referenzen via Google Earth oder Bewertungsportalen von den Hotels und Urlaubsorten ein, bevor wir eine Reise buchen – und so manches Blind Date ist in Wahrheit keins, weil die beiden Singles vor dem Rendezvous die Netzwerkprofile und Bilder ihres Dates bei Facebook, StudiVZ oder Lokalisten ausgeforscht haben. Der sprichwörtliche erste Eindruck, den wir von einem anderen Menschen bekommen, findet heute meist im Internet statt. Und da es für den bekanntermaßen keine zweite Chance gibt, sollten wir alle genau darauf achten, welchen Eindruck wir dort vermitteln – professionell wie privat. Welche Seiten der Einzelne dafür wählt – ob Facebook, Twitter, Xing, Blog & Co. –, hängt dann individuell davon ab, was derjenige beruflich macht und wo ihn seine Zielgruppe vor allem sucht, beziehungsweise erwartet zu finden. Xing ist in Deutschland eines der wichtigsten Businessnetzwerke, international ist es eher LinkedIn. Ein Blog wiederum lohnt sich eher für Leute, die tatsächlich etwas zu sagen und Lust am Schreiben haben. Twitter wiederum ist ein erstklassiges Instrument, um Wissen zu teilen, auf dem Laufenden zu bleiben oder neue Kontakte zu knüpfen. Ich bin ein großer Twitter-Fan.
http://karrierebibel.de/http://www.wiwo.de/karriere/

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Zitate aus Meconomy

»Die Wirtschaftskrise hat etwas Gutes. Sie ist so tiefgreifend und systemerschütternd, dass plötzlich Raum entsteht für Fragen: Wie haben wir eigentlich gelebt? Was war uns wichtig, was waren unsere Werte? Soll das so weitergehen? Und: Wie wollen wir eigentlich leben?«

— Claudia Voigt, Der Spiegel

»Mehr mit unternehmerischem Mut als mit Staatsgläubigkeit wollen die Bundesbürger Wege in die Zukunft beschreiten.«

— Horst Opaschowski, Zukunftsforscher

»Jobs, die lange Zeit für krisensicher gehalten wurden, brechen jetzt weg und werden in der Größenordnung, wie wir sie bislang gewohnt waren, nicht wieder entstehen. Der Strukturwandel wird durch die Krise also eher beschleunigt.«

— Werner Eichhorst, Arbeitsforscher

Es gibt drei Wege, Meconomy zu kaufen – je nachdem, welches Format man bevorzugt:

1) Man kann hier den PDF-Download wählen. Das PDF ist sehr vielseitig, funktioniert auf allen Computern, vielen Smartphones und E-Readern. Außerdem bekommt man ein farbiges, animiertes Cover, das ziemlich cool aussieht.

2) Das gängigste E-Book-Format heisst EPUB und läuft auf fast allen Lesegeräten (Achtung: nicht auf dem Kindle). Man kann EPUBs aber auch am Rechner lesen, mit kostenlosen Programmen wie Digital Editions. Das EPUB bekommt man in den großen E-Book-Shops online, zum Beispiel bei Libri.de, Ciando.de, Thalia.de oder Buch.de.

3) Wer das Buch als iPhone-App haben möchte, kauft es im iTunes Store oder schaut erst mal bei textunes (da gibt es auch eine Leseprobe). Vorteil bei diesem Format: der Kauf einer App geht blitzschnell und einfach, sie ist komfortabel zu bedienen und stellt den Inhalt sehr schön dar. Auch hier gibt es das farbige, animierte Cover.

Wichtig: Egal, welche Plattform, welcher Shop und welches Format – das Buch kostet immer 9,99 Euro. Und damit keiner doppelt kaufen muss: Wer mir seine iTunes-Rechnung mailt, dem schicke ich ganz unbürokratisch und umsonst auch das PDF zu (nicht aber andersherum und der Deal geht leider nicht im Zusammenhang mit dem EPUB).

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