Sunder Prakasham

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Sunder Prakasham ist CEO des indischen Unternehmens GetFriday, mit dem er das Konzept der sogenannten "Virtuellen Persönlichen Assistenten" in der englischsprachigen Welt populär gemacht hat. Seit Mitte 2009 bis Ende 2010 bot sein Unternehmen diesen Service auch in Deutsch an.

Herr Sunder Prakasham, Sie sind einer der Pioniere des VPA-Geschäfts. Wie kamen Sie auf die Idee und wie hat sie sich entwickelt?
Sunder Prakasham: Ja richtig, wir sind die Pioniere der VPAs als einem organisierten Geschäft. Die VPA-Industrie in Amerika und Europa existiert nun schon mehrere Jahrzehnte mit erfahrenen Freelancern, die lokale Unterstützung anbieten. Aber wir waren die Ersten, die das VPA-Konzept organisiert und über Kontinente hinweg angeboten haben. Wir haben seit 2000 in Indien einen Assistenzservice für Inder, die in Übersee leben (sogenannte Non Resident Indians oder NRIs). Und augenscheinlich wegen unserer Servicequalität hat jemand Herrn A. J. Jacobs, einem Autor des beliebten Männermagazins Esquire, von uns erzählt. Er war zu dieser Zeit inspiriert vom Thomas Friedmans Buch, aber wunderte sich, warum die Vorteile des Outsourcings nur den großen Fortune-500-Unternehmen vorbehalten bleiben sollten. Also machte er sich daran, die Grenzen des Outsourcings zu testen, und kam mit der Idee des "persönlichen Outsourcings" auf uns zu. Zunächst hielten wir es für einen Witz, aber wir machten mit und nahmen das Experiment als eine Herausforderung an. Er ließ Aufgaben aus seinem Privatleben drei Monate lang von uns erledigen und schrieb darüber in seinem überaus erfolgreichen Artikel im Esquire. Was also zunächst mit einem temporären Kunden begann, wuchs beständig seit 2005 zu dem, was wir heute sind. Wir hatten auch das Glück, in dem Buch "Die 4-Stunden-Woche" von Tim Ferriss erwähnt zu werden.

Dieses Buch war lange Zeit in den Bestseller Listen der NY-Times. Wie läuft das Geschäft momentan, in Zeiten der Finanzkrise?
Prakasham: Unser Geschäft war definitiv betroffen nach der Rezession im September 2008. Wir haben Kunden in den USA und auch einige in Europa verloren. Dies führte zu einem Rückgang unseres Geschäfts um 25 Prozent. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Rezession Europa hellhörig hat werden lassen bezüglich der Idee des Outsourcings. Die Rezession hatte für uns also zwiespältige Auswirkungen, aber wir mussten auch in den schlimmsten Krisenzeiten keine Mitarbeiter entlassen. Seit Kurzem zeigt auch der amerikanische Markt wieder Zeichen der Erholung und dass das schlimmste wohl hinter uns liegt. Wir nähern uns langsam wieder den Umsätzen vor der Rezession.

Werden Dienstleistungen, wie Sie sie anbieten, mit steigenden indischen Lohnkosten in Länder mit einem noch niedrigeren Durchschnittseinkommen abwandern?
Prakasham: Auch mit steigenden Lohnkosten ist das Durchschnittseinkommen in Indien, genau wie die Lebenskosten, immer noch um einiges niedriger als in den Vereinigten Staaten und sehr viel niedriger als in Westeuropa. Kosten-Arbitrage wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, welches Land für diese Art der Arbeit geeignet ist. Die Qualität der Arbeit und die Verfügbarkeit talentierter Arbeitskräfte zu vernünftigen Preisen werden langfristig aber die wichtigeren Faktoren sein. Auch wenn es sicher viele Länder mit geringeren Kosten als Indien gibt, wird Indien seine Sonderstellung wegen der großen Anzahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte behalten. Nicht alle dieser Arbeitskräfte sind gut genug, um beschäftigt zu werden, aber die Anzahl ist immer noch viel höher im Vergleich mit all den Ländern, die mit Indien im Wettbewerb stehen. China hat wegen der mangelnden Englischkenntnisse noch einen weiten Weg vor sich, wird aber früher oder später aufholen. Der Grund sind die großen Ressourcen, auf die China zurückgreifen kann. Sie sind ein ernst zunehmender Wettbewerber.

Für meine deutschen Leser, die nicht mit dem Konzept vertraut sind: Warum brauchen sie überhaupt einen VPA-Service in Indien?
Prakasham: Die Abkürzung VPA steht für "Virtual Personal Assistant". Ein VPA gibt jedermann die Flexibilität, Arbeit erledigen lassen, ohne sich über Anstellungen Sorgen machen zu müssen. In unserem Fall nennen wir uns selbst VA (Virtual Assistant, virtueller Assistent) weil ein großer Teil unserer Arbeit beides ist: geschäftlich und persönlich. Die Vorteile von GetFriday sind folgende:
a) Sie bekommen nicht nur die persönliche Betreuung Ihres Assistenten, sondern auch Zugang zu der gesamten Breite der Fähigkeiten unseres ganzen GetFriday-Teams.
b) Auch wenn Ihr Assistent krank wird oder kündigt, findet ein reibungsloser Wissenstransfer zu einem neuen Assistenten statt. Dies hat somit keinen Einfluss auf Ihr Geschäft.
c) Sie können Arbeit während Ihrer Geschäftszeiten oder sogar wenn Sie schlafen erledigen lassen.
d) Sie können die monatlichen Stunden, die Sie benötigen, monatlich aufstocken oder zurückfahren. Ganz nach Ihren Bedürfnissen. (Der Wechsel des Plans muss fristgerecht erfolgen.)
e) Fragen Sie nach einem Wechsel Ihres Assistenten, wenn Ihnen die Ergebnisse nicht gefallen. Dies ist nicht möglich, wenn Sie jemanden beschäftigen (ohne die Person zu entlassen). In unserem Fall würde dieser Assistent eventuell gute Arbeit für einen anderen Kunden leisten, da die individuellen Kundenwünsche sehr verschieden sind.

Wer ist Ihr typischer Kunde?
Prakasham: Der Service ist perfekt für viel beschäftigte Privatpersonen und kleine Unternehmen, die flexible Unterstützung wünschen. Dies ist unsere generelle Zielgruppe, aber es wäre schwer, sie ganz konkret festzulegen. Wir haben Akademiker, Doktoren, Anwälte, Kleinunternehmen, Arbeitnehmer in der IT-Branche oder bei Banken, Künstler, Onlinemarketer - Sie verstehen schon.

Wieso haben Sie einen deutschen Service angeboten?
Prakasham: Wir hatten immer Kunden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die unseren englischen Service nun bereits eine geraume Zeit nutzten. Also war es eine natürliche Entscheidung, einen deutschen Service anzubieten. Besonders nach dem gesteigerten Interesse am Outsourcing nach der letzten Rezession. Außerdem deckt die deutsche Sprache 40 Prozent von Europa ab und sah lukrativ aus. Deutschland hat außerdem eine starke Wirtschaft. Wir hätten auch nach Frankreich gehen können, aber wir haben Deutschland zuerst gewählt. Um der Konkurrenz ein Stück voraus zu sein, müssen wir kontinuierlich an Innovationen arbeiten.

Herr Sunder Prakasham, wo hatten Sie die Mitarbeiter für Ihr deutsches Team gefunden?
Prakasham: Es war ziemlich schwierig, deutschsprachige Mitarbeiter in Indien zu finden. Es gibt bei uns das Goethe-Institut (es heißt hier Max Mueller Bhavan), das Deutschkurse anbietet. Aber es war trotzdem schwierig, deutschsprachige Mitarbeiter zu finden. Aber wir waren zuversichtlich, dass wir talentierte Arbeitskräfte in Indien anziehen können, da die Arbeit sehr interessant ist. Die meisten Arbeitskräfte, die deutsch sprechen, machen nichts anderes als Übersetzungen, was sehr monoton werden kann. Aber wir hatten einen Job, der herausfordernd ist und bei dem die Mitarbeiter viel über die deutsche Kultur lernen konnten. Der Job ermöglichte ihnen täglichen Kontakt zu Deutschen.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie in diesem Arbeitsfeld? Wer sind diese Leute, was ist ihr Hintergrund? Erzählen Sie mir doch etwas mehr über Frau Sneha Rajaram, die für mich gearbeitet hat …
Prakasham: Insgesamt haben wir über 200 Mitarbeiter. Das deutsche Team ist mit nur 4 Mitarbeitern ziemlich klein gewesen. Sneha war eine von ihnen. Sie ist eine sehr intelligente junge Frau, mit sehr guten Deutschkenntnissen. Nick, der Teamleiter, ist ein deutscher Bürger mit indischem Hintergrund. Er kam vor einigen Jahren nach Indien zurück. Sein Deutsch ist so gut wie das eines jeden Deutschen. Wir versuchen bei GetFriday Mitarbeiter mit den unterschiedlichsten Hintergründen zu beschäftigen – Kunst, Naturwissenschaften, Ingenieure. Wir haben sie alle.

Wie kann ich mir die Büroräume Ihres Teams vorstellen? Sieht es aus, wie das typische indische Callcenter, wie die, die man aus dem Film "Slumdog Millionaire" kennt?
Prakasham: Sie sind sehr typisch für eine gewöhnliches IT/ITES-Umgebung, aber haben nicht viel mit einem typischen Callcenter gemein. Callcenter sind so angelegt, dass die Mitarbeiter sich komplett auf das fokussieren, was sie tun, also typischerweise Anrufe über die gesamte Schicht annehmen. Bei uns gibt es Bürozellen mit geringer Höhe, die viel Interaktion, Austausch und Kommunikation zwischen den Assistenten zulassen. Sie tragen auch keine Headsets. Weniger als zehn Prozent ihrer gesamten Zeit wird für Telefonanrufe verwendet.

Mein VPA Sneha hat mich ein paarmal auf meinem Handy angerufen (ich hatte sie darum gebeten), und sie hat viele Anrufe in Deutschland für mich gemacht. Auch die Anrufe bei GetFriday sind kostenlos. Wie ist es möglich, dass sie so großzügig mit internationalen Anrufen sein können?
Prakasham: VoIP-Technologie ermöglicht sehr günstige Anrufe über Kontinente hinweg. Es ist genau dasselbe, als wenn ich jemanden in Bangalore oder Delhi anrufen würde. Deshalb berechnen wir in der Regel nicht extra, um unseren Kunden einen gebührenfreien Zugang zu uns gewähren oder sogar internationale Anrufe für unsere Kunden zu machen. Wenn jedoch ein Großteil des Auftrags nur aus Telefonieren besteht, berechnen wir das extra.

Es gibt Leute in Deutschland, die VPAs als eine moderne Form des Kolonialismus kritisieren. Was würden Sie Ihnen sagen?
Prakasham: Ich würde der Aussage, dass ein VPA-Service eine moderne Form des Kolonialismus ist, vehement widersprechen. Ich wurde das bereits öfter von verschiedenen Medienvertretern von überall auf der Welt gefragt. Ich denke diese Antwort fasst meinen Standpunkt ganz gut zusammen.

Aus Ihrer Sicht: Ist die Welt wirklich "flach", wie Tom Friedman sagt, oder eher "spiky", wie sich Richard Florida ausdrückt (was bedeutet, dass kulturelle Unterschiede immer noch eine wichtige Rolle spielen und dass einige Regionen viel besser abschneiden als andere)?
Prakasham: Die Welt ist sicher flacher geworden, bedingt durch einen besseren Informationsfluss und wegen Technologie. Thomas Friedman hat recht, dass wir uns auf eine flachere Welt zubewegen. Es ist aber noch ein langer (vielleicht unmöglicher) Weg bis zu einer perfekt flachen Welt. Die Unterschiede werden weiterexistieren. Aber solange die Welt sich in eine Richtung geprägt von positivem Wachstum bewegt, ist dies ein gutes Zeichen. Es wird also sicher auch weiter "Spikes" geben. Silicon Valley in Kalifornien ist das, was es ist, weil es einen bestimmten Typ Mensch angezogen hat. Kulturelle Unterschiede spielen also eine Rolle, aber ich denke, es gibt wichtigere Faktoren, die bestimmen, wie Nationen und Regionen sich auf dem Wachstumspfad bewegen.
Schauen Sie sich doch einmal diese hervorragende Präsentation von Prof. Hans Rosling auf TED-Talks an. Es ist wirklich unglaublich zu sehen, wie flach die Welt geworden ist, aber die Welt wird auch weiterhin "Spikes" haben.

Welche Aufgaben eignen sich am besten zum Outsourcen? Haben Sie einige Beispiele von ungewöhnlichen oder sogar unpassenden Dingen, die Kunden von Ihren Mitarbeitern erledigen lassen wollten?
Prakasham: Unsere Kunden geben uns Aufgaben aus Ihrem Geschäft genauso wie aus ihrem Privatleben. Ich denke, die gewöhnlichsten Aufgaben sind Termine zu managen oder Reisebuchungen, aber auch dies kann wiederum nicht verallgemeinert werden, da verschiedene Kunden sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Ich denke, man sollte Aufgaben outsourcen, die von jemand anderem einigermaßen effizient und günstiger erledigt werden können. Dies hilft, mehr freie Zeit zu gewinnen. Aber ich erlebe es manchmal, dass Kunden uns fragen, ob wir ihren Businessplan machen können. Dies finde ich etwas seltsam, weil dies der Kern des Geschäfts ist. Wenn man das nicht tut, könnte man sein Geschäft auch genauso gut von jemand anderem führen lassen. Wir führen auch sehr ungewöhnliche Aufträge aus, wie z. B. der eines amerikanischen Kunden, ein kleines Unternehmen, das Gesang zu uns outsourct. Also haben wir Amateursänger beschäftigt, die Live-Gesang für diesen Kunden leisten.

Wenn es etwas gibt, das ich an Ihrem deutschen Service kritisiert hätte, ist das das Preismodell: Sieben bis acht Euro für einen großen Plan zu bezahlen ist ok. Aber 15 Euro für den Pay-as-you-go-Plan wirkte auf mich nicht sehr konkurrenzfähig. Ein Start-up in Deutschland bietet VPA-Services mit polnischen Studenten und berechnet etwa fünf bis sieben Euro pro Stunde.
Prakasham: Ich nehme Ihre Meinung bezüglich des Preismodells sehr ernst. Wir werden es überprüfen und dann eine Entscheidung treffen. Ich wurde schon früher mit genau den gleichen Bedenken konfrontiert. Man könnte ja auch College-Studenten nehmen, um Arbeit während des Sommers sehr günstig erledigen zu lassen. Aber es funktioniert auf diese Weise nicht. Vielleicht fühlen Sie sich in den ersten zwei Tagen oder sogar im ersten Monat, als ob Sie zu viel bezahlen. Aber mit der Zeit und mit einem besseren Verständnis der Beziehung beginnt der Assistent viel mehr zu liefern als den Betrag, den der Kunde bezahlt. Wir haben Kunden, die bereits seit 2005 mit uns zusammenarbeiten. Sie wechseln zu höheren Plänen. Manchmal, wenn sich unvorhersehbare Änderungen ergeben, kündigen sie zeitweise auch und kommen später wieder zurück, um unseren Service zu nutzen. Das ist das Schöne an der Flexibilität dieses Services.
https://getfriday.com/

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Zitate aus Meconomy

»Sicherheiten gibt’s eh keine mehr. Macht doch, wofür Euer Herz schlägt.«

— Johannes Kleske, Social-Media-Experte

»Es gibt heute keinen Grund mehr, Dinge zu tun, die man hasst. „Sie sollten sich fragen: Was will ich jeden Tag tun, bis ans Ende meines Lebens? Und dann müssen Sie genau das tun. Ich schwöre, dass Sie es monetarisieren können.«

— Gary Vaynerchuk, Videoblogger

»Glauben Sie an das, was Sie tun? Jeden Tag? Es stellt sich heraus, dass glauben eine brillante Strategie ist. Immer mehr Menschen merken gerade, dass sie sehr viel arbeiten und dass es sehr viel befriedigender ist, an etwas zu arbeiten, an das sie glauben und Dinge zu bewegen, als einfach nur jeden Monat sein Gehalt zu bekommen und darauf zu warten, gefeuert zu werden (oder zu sterben).«

— Seth Godin, Management-Autor

Es gibt drei Wege, Meconomy zu kaufen – je nachdem, welches Format man bevorzugt:

1) Man kann hier den PDF-Download wählen. Das PDF ist sehr vielseitig, funktioniert auf allen Computern, vielen Smartphones und E-Readern. Außerdem bekommt man ein farbiges, animiertes Cover, das ziemlich cool aussieht.

2) Das gängigste E-Book-Format heisst EPUB und läuft auf fast allen Lesegeräten (Achtung: nicht auf dem Kindle). Man kann EPUBs aber auch am Rechner lesen, mit kostenlosen Programmen wie Digital Editions. Das EPUB bekommt man in den großen E-Book-Shops online, zum Beispiel bei Libri.de, Ciando.de, Thalia.de oder Buch.de.

3) Wer das Buch als iPhone-App haben möchte, kauft es im iTunes Store oder schaut erst mal bei textunes (da gibt es auch eine Leseprobe). Vorteil bei diesem Format: der Kauf einer App geht blitzschnell und einfach, sie ist komfortabel zu bedienen und stellt den Inhalt sehr schön dar. Auch hier gibt es das farbige, animierte Cover.

Wichtig: Egal, welche Plattform, welcher Shop und welches Format – das Buch kostet immer 9,99 Euro. Und damit keiner doppelt kaufen muss: Wer mir seine iTunes-Rechnung mailt, dem schicke ich ganz unbürokratisch und umsonst auch das PDF zu (nicht aber andersherum und der Deal geht leider nicht im Zusammenhang mit dem EPUB).

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