Tim Leberecht

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Tim Leberecht ist Vice President of Marketing and Communications bei Frog Design in San Francisco. Leberecht war Mitglied eines Zukunfts-Beraterstabs im Kanzleramt, der Angela Merkel kürzlich über neue Entwicklungen in Technologie und Gesellschaft informierte.

Müssen wir die Wirtschaftskrise als Anlass begreifen, uns neu zu erfinden? Sind die alten Institutionen wie lebenslange Festanstellung, Rente, klassische Ausbildung etc. nun endgültig passé?
Tim Leberecht: Der demografische Wandel in Deutschland ist ein einflussreicher Faktor für die Entwicklungstrends in den nächsten beiden Jahrzehnten, allerdings scheint es mir geboten, einen weiteren Faktor zu berücksichtigen, dessen Einfluss in meinen Augen ebenso wichtig ist: die Digitalisierung unserer Gesellschaft.
Trotz der neuen Bescheidenheit, des neuen Haushaltens, und der neuen Sinnsuche in einer postmaterialistischen Gesellschaft dürfen wir nicht vergessen, dass wir eine Ressource im Überfluss besitzen und auf Jahrzehnte besitzen werden: Information. Und Information heißt vor allem: Internet. Im Internet ist Information weitgehend unentgeltlich und konfrontiert mit einem Überangebot an Auswahl und einer Fragmentierung der Nachfrage.

Stimmt es, dass wir mittels moderner Kommunikationstechnologie, Internet etc., zum ersten Mal unsere Leidenschaften zum Lebensunterhalt machen können?
Leberecht: Alle bisher gemachten Prognosen über den Einfluss des Internets haben sich als zu konservativ herausgestellt, und mit dem jüngsten Phänomen der sozialen Medien hat sich der Einfluss des WWW noch einmal verstärkt. Es gibt weltweit 120 Millionen Blogs und 9 Millionen User von Wikipedia. 13.000 Videos werden jede Minute auf YouTube hochgeladen. Ein Social Network wie Facebook hat weltweit 250 Millionen User, deren Sozialverhalten sich schrittweise verändert. Blogs und Micro-Blogging Services wie Twitter verwandeln die Kommunikationskultur, beschleunigen den Nachrichtenzyklus und untergraben die Autorität der traditionellen Medien und der herkömmlichen politischen Agenda-Setter. Und dann ist da noch das expandierende Mobile Web mit steigenden Penetrationsraten. Und GPS. Near-Field Communications. RFID. Und, und, und. Die Vision vom ubiquitären Datenzugang, vom Onlinesein 24 Stunden am Tag, ist längst Realität geworden, und für viele Mitglieder der Generation X (33-44) und der Generation Y (17-32), die mit dem Internet aufgewachsen sind, bedeutet dies: Google ergo sum. Das Leben ist digital.

Was bedeutet das für unsere Lebensqualität?
Leberecht: Wenn man bedenkt, dass beide Generationen zu den Entscheidern der nächsten beiden Jahrzehnte in Deutschland zählen werden und die "Mitte des Lebens" darstellen, dann kann man die Rolle des Internets bei der Diskussion über Lebensqualität gar nicht überschätzen. Lebensqualität bedeutet zunehmend eben auch Qualität des digitalen Lebens und wird ganz sicher über das Internet verhandelt werden.
Denn das Internet wird soziale und politische Organisationsprinzipien dramatisch verändern. Die Grenzen verschwinden zwischen privat und öffentlich, Konsument und Produzent, Amateur und Experte, Leben und Arbeit und auch Bürger und Staat. Wir leben in einer neuen hybriden "Bindestrich"-Kultur, in der Bürger zur gleichen Zeit verschiedene Rollen und Identitäten annehmen können und zum Social, zum Political Entrepreneur werden. Kollaboration und Selbstorganisation, Mash-ups, Schnittstellen-Design, "Open-Sourcing" und "Crowd-Sourcing" und "Peer-to-Peer-Sourcing" ersetzen Koordination und Top-down-Management sowie traditionelle institutionelle Vermittler von Sinn und Ordnung.

Ein konkretes Beispiel?
Leberecht: Diese neuen Prinzipien sind auch die Triebkräfte des neuen Megamarktes Gesundheit: Viele der Innovationen in diesem Bereich werden webbasiert sein und durch das Web ermöglicht werden. Stichworte sind hier Konvergenz (von Industrien wie Pharma, Kosmetik, Wellness, Nahrungsmitteln, Technologie, Versicherungen, Finanzwesen und Medien), Datentransparenz, Selbstvorsorge.

Wir wird der Begriff des "Sozialen" sich wandeln?
Leberecht: Social Networks, Peer-to-Peer-Networks, Communitys oder Tribes der Gleichgesinnten erweitern den Begriff der Familie. Die soziale Lebensqualität wird immer wichtiger, aber die Definition von "sozial" muss um die Dimension des Social Web erweitert werden. Freunde sind - um den Titel eines Wim Wenders Films zu zitieren - "in weiter Ferne, so nah". Das Konzept der Privatsphäre wird kontinuierlich abgelöst werden von radikaler öffentlicher Transparenz - für Individuen und Organisationen. "Offene Unternehmen" werden einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verzeichnen, da sie besser aufgestellt sind für Wissensaustausch und Innovation. Innen- und Außenwelt werden kongruent, und Authentizität wird zum entscheidendem Kriterium für Kundenqualität (organisationale Ebene) und Beziehungsfähigkeit (individuelle Ebene).

Werden wir alle zu selbstbezogenen Egoisten? Was ist mit der guten alten Solidarität?
Leberecht: Ebenfalls mit den Mitteln des Social Web, wird "Cocooning" einem "Geben" - einer neuen Großzügigkeit - weichen, einem neuen Bürgerengagement, das Sozialkapital schafft. Laut Engagementatlas 2009 der AMB Generali Gruppe, sind bundesweit 34 Prozent aller Personen über 16 Jahre bürgerschaftlich engagiert und dabei ist die Gruppe der 30- bis 55-Jährigen überdurchschnittlich vertreten. Im Zeitalter des Free Internet, in dem viele kommerzielle Transaktionen nicht mehr Geld als Währungsgrundlage haben, wird Kapital zunehmend identisch mit Sozialkapital, oder wie der amerikanische Wirtschaftsphilosoph Umair Haque so wunderbar schlicht formuliert: "Kapital entsteht, wenn mindestens zwei Menschen übereinstimmen, einer Sache Wert beizumessen." Mehr zu geben als zu nehmen ist nicht nur rein moralisches Gebot, sondern wird zum lukrativen Business-Modell. Immer mehr geschieht dies über das Web.
In dieser Hinsicht gehört die Zukunft einer doppelten Produktivität des Ökonomischen und Sozialen, einer sozialen Leistungsgesellschaft, einer Wir-Gesellschaft, einer Ökonomie des Unentgeltlichen. Sie gehört Werteschöpfungsketten anstelle von Wertschöpfungsketten, Lifeholder-Value anstelle von Shareholder-Value. Das klassische Modell des Habitats (Nahrung, Wasser, Schutz, reproduktive Ressourcen) muss um die Dimension der "Bedeutung" (sozial, ökologisch, kulturell) erweitert werden.

Diese neue Gesellschaft hat offenbar nicht mehr viel mit dem Leben und Arbeiten zu tun, das unsere Eltern kannten?
Leberecht: Leidenschaften können darin zum Lebensunterhalt werden. Standorte und formale Organisationen werden unwichtiger und werden durch selbst organisierte Micropreneurs abgelöst. Intrinsische ersetzt extrinsische Motivation. Die Identifizierung mit dem Arbeitgeber lässt nach, nicht aber der Stellenwert der Arbeit. Wir sehen so etwas wie die Renaissance des Renaissance-Menschen. Es wird mehr unorthodoxe, nicht-lineare Lebensläufe geben, hybride Qualifikationen und Neu-Orientierungen im mittleren Lebensalter sowie Telearbeiter und Digitale Nomaden. Kreativität ersetzt Produktivität. Jeder ist seine eigene Marke, ein kollaborativer Designer, ein sozialer Unternehmer.

Wie muss sich Bildung auf diesen Wandel einstellen?
Leberecht: Sie muss zunehmend Kreativität lehren und fördern muss, Kollaboration, interdisziplinäre Schnittstellenkompetenz, laterales Denken und Eigeninitiative. Es bedeutet auch, dass es digitale Eliten geben wird und geben muss, die besondere Förderung verdienen. Gleichzeitig ist es Aufgabe des Staates und der Bildungsinstitutionen, den 'Digital Divide' zu minimieren, indem sie die digitale Sprechfähigkeit breiter Bevölkerungsschichten, insbesondere jener, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, erhöhen. Denkbar sind hier Modelle wie intergenerationelle Online-Networks oder Mentorenschaften.

Von Kalifornien aus betrachtet: Ist Deutschland in dieser neuen Wirklichkeit schon angekommen?
Leberecht: Um nicht nur in der digitalen Gesellschaft anzukommen, sondern sie auch mitzuprägen, müssen sich Politik und Bürger Deutschlands entscheidend verändern. Die von Newsweek jüngst festgestellte deutsche "Technophobie" muss einer technologiefreundlicheren Haltung weichen, die begreift, dass Deutschland schon längst ein Teil des Global Village ist. Für die Mehrheit der Generation Y sind geografische und nationale Grenzen obsolet und Konzepte wie Privatsphäre lediglich ein Feature von Self-Branding und Reputationsmanagement. Der Staat sollt sich als Impulsgeber sehen für bürgerliches Engagement, als Inkubator für Social und Political Entrepreneurship. Initiativen wie Obamas "Office for Social Innovation" in den USA würden auch Deutschland gut zu Gesicht stehen, und die Nutzung von Social Media zur Bürgerbindung und Förderung von Sozialkapital betreibt ja sogar schon der Vatikan - nicht aber die deutsche Politik. Hier und in anderen Bereichen scheint mir die deutsche Gesellschaft weiter als die deutsche Politik, die deutlich aufholen muss.

Was muss sich ändern?
Leberecht: Grundsätzlich mangelt es in Deutschland an Risikobereitschaft (nicht zufällig heißt Venturecapital hier ja Risikokapital), Optimismus und Innovationstempo. Keinesfalls geht es darum, amerikanische Verhältnisse zu wollen, aber ein Schuss mehr Mut unter Wahrung des eigentümlichen deutschen Skeptizismus würde Wunder wirken.
Wie wir digitale Technologien, das Internet und insbesondere das Social Web kreativ gestalten und nutzen werden, um diese offene, kreative, soziale Leistungsgesellschaft Realität werden zu lassen, halte ich für einen der Schlüsselfaktoren und die größte Herausforderung für die Entwicklung von Lebensqualität in Deutschland in den nächsten beiden Jahrzehnten.

Du hast kürzlich an einer Expertenrunde im Kanzleramt teilgenommen, die Angela Merkel über technologische Trends und gesellschaftliche Entwicklungen der nächsten Jahre informierte. Wie kam es dazu?
Leberecht: Ich war zur Runde eingeladen worden von der Politikberatung Bohnen + Kallmorgen, die die Reihe konzeptionell und inhaltlich begleitete. Die Atmosphäre im Kanzleramt war sehr offen und freundlich und die Gespräche sehr anregend. Ich nahm zweimal teil, einmal bei einer Diskussion zum Thema "Lebensqualität", das andere Mal bei einem Querschnittsgespräch mit Kanzleramtsminister Thomas de Maizière. Frau Merkel nahm erst an der abschließenden Präsentation teil.

Die anderen Teilnehmer waren teils die üblichen Verdächtigen der Trendforscher- und Soziologen-Szene. Wer fehlte, wen hättest Du noch eingeladen?
Leberecht: Die Auswahl der Teilnehmer war sicher eher traditionell, und ich hätte mir mehr Vertreter der Generation Y und auch mehr Jungunternehmer, Immigranten sowie Frauen gewünscht. Auch der eine oder andere Denker aus dem deutschen Feuilleton oder Philosophen wie Peter Sloterdijk wären eine Bereicherung gewesen.
http://www.frogdesign.com/http://iplot.typepad.com/about.html

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Zitate aus Meconomy

»„The future of business will be more startups, fewer giants, and infinite opportunity“«

— Chris Anderson

»Mehr mit unternehmerischem Mut als mit Staatsgläubigkeit wollen die Bundesbürger Wege in die Zukunft beschreiten.«

— Horst Opaschowski, Zukunftsforscher

»Glauben Sie an das, was Sie tun? Jeden Tag? Es stellt sich heraus, dass glauben eine brillante Strategie ist. Immer mehr Menschen merken gerade, dass sie sehr viel arbeiten und dass es sehr viel befriedigender ist, an etwas zu arbeiten, an das sie glauben und Dinge zu bewegen, als einfach nur jeden Monat sein Gehalt zu bekommen und darauf zu warten, gefeuert zu werden (oder zu sterben).«

— Seth Godin, Management-Autor

Es gibt drei Wege, Meconomy zu kaufen – je nachdem, welches Format man bevorzugt:

1) Man kann hier den PDF-Download wählen. Das PDF ist sehr vielseitig, funktioniert auf allen Computern, vielen Smartphones und E-Readern. Außerdem bekommt man ein farbiges, animiertes Cover, das ziemlich cool aussieht.

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3) Wer das Buch als iPhone-App haben möchte, kauft es im iTunes Store oder schaut erst mal bei textunes (da gibt es auch eine Leseprobe). Vorteil bei diesem Format: der Kauf einer App geht blitzschnell und einfach, sie ist komfortabel zu bedienen und stellt den Inhalt sehr schön dar. Auch hier gibt es das farbige, animierte Cover.

Wichtig: Egal, welche Plattform, welcher Shop und welches Format – das Buch kostet immer 9,99 Euro. Und damit keiner doppelt kaufen muss: Wer mir seine iTunes-Rechnung mailt, dem schicke ich ganz unbürokratisch und umsonst auch das PDF zu (nicht aber andersherum und der Deal geht leider nicht im Zusammenhang mit dem EPUB).

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