Werner Eichhorst

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Werner Eichhorst ist stellvertretender Direktor Arbeitsmarktpolitik am Bonner IZA. Seine Forschungsschwerpunkte sind international vergleichende Analyse von Institutionen, Entwicklung von Arbeitsmärkten sowie der Vergleich von beschäftigungspolitischen Strategien und Reformprozessen. Er berät die Bundesregierung in Arbeitsmarktfragen.

Herr Eichhorst, die Wirtschaftskrise flaut ab, doch der Schrecken sitzt tief, viele alte Gewissheiten und Institutionen sind erschüttert. Müssen wir uns und unsere Jobs nun neu erfinden?
Werner Eichhorst: Zumindest Berufseinsteiger, die sich derzeit überall Einstellungsstopps und prekären Arbeitsverhältnissen gegenübersehen, müssen jetzt besonders kreativ sein. Gegenwärtig kommt eine ganze Welle von hoch qualifizierten und hoch motivierten Leuten in den Arbeitsmarkt, die nicht ohne Weiteres eine Stelle finden werden, die ihren Ansprüchen genügt. Sie werden die eine oder andere Warteschleife durchlaufen müssen und in dieser Zeit sicher auf die Idee kommen, mal etwas Neues auszuprobieren. Wären feste Jobs mit guter Bezahlung bis zur Rente beliebig verfügbar, würden sie auch von den Jüngeren sicher gern angenommen. Nun ist die Situation aber aufgrund struktureller Veränderungen und der aktuellen Krise in der Wirtschaft nicht so. Jeder ist also gehalten, sich mit eigener Anstrengung und eigener Kreativität über Wasser zu halten - das ist die ganz zentrale Herausforderung für den Einzelnen.

Wie sieht das in Zahlen aus?
Eichhorst: Zwar zeigen unsere Studien, dass immer noch 55 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland unbefristet in Vollzeit arbeiten und dass diese Zahl auch in den letzten Jahren gar nicht stark zurückgegangen ist. Auch gibt es insgesamt mehr Arbeitsplätze als noch vor fünf oder zehn Jahren. Wir haben also einen größeren Arbeitsmarkt als früher, auch viele Frauen und früher Arbeitslose sind neu in diesen Markt eingetreten. Wir sehen – bei einem relativ stabilen Kern – zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten im Bereich Selbstständigkeit, Zeitarbeit und Teilzeit. Zugleich sind die Übergangsphasen am Berufseinstieg eher länger geworden. Auch Höherqualifizierte machen heute mehr Volontariate, Praktika und zusätzliche Qualifikationsphasen, viele von ihnen haben zunächst eine befristete Beschäftigung. Das ist für die meisten bereits ein normales Einstiegsverhältnis, sozusagen eine verlängerte Probezeit.

Wird bald alles wieder so werden wie vor der Krise?
Eichhorst: Nein. Die Lasten der Anpassung werden nicht nur von den Randbelegschaften, etwa den Zeitarbeitern, und den Berufseinsteigern, sondern auch vom Kernarbeitsmarkt getragen. Der klassische Opel-Arbeiter wird über kurz oder lang mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Arbeitsplatz verlieren, auch die Beschäftigten bei Unternehmen wie Quelle, Schaeffler oder Märklin. Jobs, die lange Zeit für krisensicher gehalten wurden, brechen jetzt weg und werden in der Größenordnung, wie wir sie bislang gewohnt waren, nicht wieder entstehen. Der Strukturwandel wird durch die Krise also eher beschleunigt. Im Versandhandel oder im klassischen verarbeitenden Gewerbe läuft derzeit ein starker Schrumpfungsprozess ab. Die Autoindustrie war ein Sektor, der in Deutschland relativ stark ausgeprägt war und sich jetzt unter großen Schmerzen verkleinern muss. Ähnliches sehen wir im Bereich der Finanzdienstleistungen. Das bedeutet für die Arbeitnehmer eine größere Notwendigkeit, auf neue Tätigkeitsfelder auszuweichen, auch stärker in den Dienstleistungssektor zu wechseln.

Machen sich mehr Deutsche selbstständig als früher?
Eichhorst: Diesen Trend kann man bestätigen. Deutschland liegt da aufgrund der Tradition der sozial abgesicherten und auf Dauer angelegten Beschäftigungsverhältnisse und der weitverbreiteten Sehnsucht nach einer beamtenmäßigen Anstellung zurück gegenüber andern Staaten. Es war auch bislang aufgrund der relativ guten Verfassung des Arbeitsmarktes nicht unbedingt nötig, sich darüber Gedanken zu machen. In letzter Zeit ist das Selbstständigendasein bei uns aber rehabilitiert und auch öffentlich gefördert worden – Stichwort: Ich-AG. Gerade im Bereich Kreativwirtschaft und Medien ist das eines der dominanten Modelle. Und auf jeden Fall sind Großstädte wie Berlin, Köln, Hamburg oder München eine Art Laboratorium, wo solche Trends früher, kumuliert und zugespitzt beobachtet werden können.

Steckt in all dem auch eine Chance? Historisch sind viele große Marken und Produkte in Krisen entstanden ...
Eichhorst: Das sehe ich auch so. Aus der Not heraus, vielleicht auch aus der Gelegenheit, werden gerade jetzt wahrscheinlich Geschäftsideen entwickelt und Unternehmen gegründet, die wir vielleicht erst in zehn Jahren kennen werden. Ich bezweifele nur ein bisschen, ob Deutschland da immer genug Humus bietet, genügend Anknüpfungspunkte, um so etwas entstehen zu lassen.

Was fehlt dazu?
Eichhorst: Vor allem eine ausreichende Förderung im Bereich der Existenzgründung. Und der Bereich Ausbildung vernachlässigt beispielsweise die Entwicklung tragfähiger Ideen aus den Hochschulen heraus ...

... wie das in den USA üblich ist ...
Eichhorst: ... genau. In den Konjunkturpaketen der Politik sehen wir aber eher konservativ angelegte Dinge wie Abwrackprämie, Straßenbau oder Kurzarbeit – alles Dinge, die den Strukturwandel eher verlangsamen sollen.

Was sollte die Politik stattdessen konkret tun?
Eichhorst: Mehr Geld ausgeben, um kleineren Unternehmen auf die Sprünge zu helfen, die jetzt entstehen. Damit sind mehr Multiplikatoreffekte positiver Art verbunden als damit, Unternehmen zu finanzieren, die über kurz oder lang schrumpfen oder untergehen werden.

In welche Bereiche sollte Geld fließen?
Eichhorst: Energieeffizienz, intelligente Gebäude, auch neue Formen der Energiegewinnung. Fortschrittliche Lösungskonzepte im Bereich Verkehr. Bildung, Forschung ... und dann vor allem innovative Formen im Gesundheits- und Pflegebereich – das ist ja auch so ein Feld, das in Deutschland vorsintflutlich verwaltet wird, aber riesige Innovations- und Geschäftspotenziale bietet.

Man sagt, die in 10 Jahren wichtigsten Berufe gibt es heute noch gar nicht. Können Schulen und Universitäten also aufhören auszubilden?
Eichhorst: Im Gegenteil, wir müssen mehr tun, allerdings vermehrt in der Breite. Wir müssen durch eine sehr solide, generalistische Ausbildung jeden befähigen, im Berufsleben erfolgreich Fuß zu fassen. Mathematik ist wichtig, auch Fremdsprachen ... Wichtig dabei: Bildung muss ganz generell verstanden werden. Spezialisierung verliert eher an Wert. Eine frühe Spezialisierung ist eher tragisch, wenn man – wie wir es heute sehen – von einem beschleunigten Strukturwandel ausgeht.

Wir müssen uns also auf lebenslanges Lernen einstellen, uns ständig neu erfinden?
Eichhorst: Ja. Das Problem des deutschen Ausbildungswesens ist aber, dass es eine sehr starke Festlegung auf bestimmte Berufe und Branchen erzeugt, die man später kaum noch korrigieren kann. Es muss künftig dahin gehen, dass wir in der Ausbildung eine generalistische Basis bilden und später – eben nicht nur in den Anfangsjahren – Fachwissen durch Learning on the Job ständig erneuern, um sich ausreichend auf dem Arbeitsmarkt behaupten zu können, sei es in der gleichen Firma, aber mit neuen Tätigkeiten und Technologien, sei es durch einen Wechsel von Arbeitgeber oder Wirtschaftszweig.

Was kann der Staat tun, was der Einzelne?
Eichhorst: Man kann Zweifel daran haben, ob die Politik allein diese Anforderungen abdecken kann. Sie vernachlässigt das Thema strukturell und es ist auch von den Akteuren, die in dem Feld tätig sind, schwer zu steuern. Das bedeutet letztlich eine Aufforderung an den Einzelnen, sich zu behelfen und eigene Initiativen zu starten, anstatt auf den Staat, den Arbeitgeber oder die Sozialpartner zu warten. Es besteht natürlich die Gefahr, dass Menschen, die das nicht wollen oder können und sich der Problematik nicht bewusst sind, unter die Räder kommen. Die gesellschaftliche Spaltung wird damit verschärft.

Lernen deutsche Schüler im internationalen Vergleich zu viel Goethe und zu wenig Rechnen?
Eichhorst: Die Deutschen kennen oft ja weder ihren Goethe noch sind sie wirklich in Mathe gut. Das ist aber weniger eine Frage von technischen Lösungen, sondern eher der pädagogischen Eignung von Lehrkräften. Es geht vor allem um eine verbesserte didaktische Vermittlung der Inhalte und ein Abspecken der superspezialisierten Dinge, vor allem in den Naturwissenschaften.

Brauchen wir ein Sozialversicherungssystem für die Generation Facebook? Muss man zum Beispiel die globale Mobilität vereinfachen, sodass ich meine Rentenansprüche mitnehmen kann, wenn ich ein Jahr in Singapur arbeite, zwei in New York und dann nach Deutschland zurückkomme?
Eichhorst: Das wäre eine logische Ergänzung vieler Trends, die wir derzeit beobachten, ist aber ein großes Rad, wenn man das global regeln wollte – und nichts, was über Nacht kommt. Vor allem was den Ruhestand angeht, wird für mobile Menschen das private Vorsorgen oder die betriebliche Absicherung wichtiger, weil sie über staatliche Systeme weniger erwarten können. Nur innerhalb Europas gibt es eine Zusammenrechung der Rentenzeiten.

Drängen deshalb künftige Generationen raus aus der Rente und helfen sich selbst?
Eichhorst: Wir sehen eine Delegitimation des Sozialstaates vor allem bei denen, die sich für stark genug halten, auf eigene Rechnung besser abzuschneiden. Die logische Konsequenz wäre zumindest für global agierende gut Ausgebildete, aus der Sozialversicherung heraus zu optieren und zu sagen: Wir versorgen uns selbst durch unsere Ersparnisse, die wir im Laufe eines Arbeitslebens mit mehreren Arbeitgebern in verschiedenen Ländern aufbauen. Das ist aber ein schlechtes Geschäft für die Sozialversicherung. Denn werden international mobile Menschen aus der Sozialversicherung verabschiedet und sorgen nicht genug selber vor, können sie immer noch nach Deutschland zurück und dort die Grundsicherung beantragen.

Wo bleibt dabei das in Deutschland bewährte Solidarprinzip?
Eichhorst: Die beschriebene Entwicklung wird wohl dazu führen, dass die Sozialversicherung weiter schrumpft und wir am Ende einen steuerfinanzierten Grundsicherungsstaat bekommen. Das ist das Maß an Solidarität, das man am Ende nachhaltig finanzieren kann und muss. Alles andere bleibt letztlich der betrieblichen und privaten Vorsorge überlassen. Klar ist aber auch, dass die Sozialversicherung in der aktuellen Krise sich als stabiler erwiesen hat als die kapitalgedeckte Vorsorge und vieles dafür spricht, diese auch für weltweit mobile Menschen attraktiv zu machen.

Drei Dinge, die die Politik in der Meconomy jetzt tun muss?
Eichhorst: Es muss Schluss sein mit rückwärts gewandten Förderungsmaßnahmen wie der Abwrackprämie, Geld für Opel und anderer Politik, die dem Strukturwandel hinterherläuft. Zweitens braucht es eine breit angelegte Grundqualifikation für jeden, der in den Arbeitsmarkt hineinkommt. Das muss mit entsprechendem finanziellem Aufwand auch für Migranten und Kinder aus schwierigen Elternhäusern durchgesetzt werden. Und drittens muss der Bereich Existenzgründung, also das Wachstum von Kleinunternehmen, begünstig werden. Das ist ein Bereich, mit dem wir neue Wirtschaftszweige eher erproben und austesten können als mit Subventionen, die der Staat an einzelne Branchen gibt.

Deutschland braucht eine Start-up-Kultur?
Eichhorst: Ja. Vielleicht gehen 80 Prozent dieser Kleinunternehmen pleite, aber 20 Prozent sind dann doch lebensfähig.

Konkret, wie kann man das befördern?
Eichhorst: Man könnte sagen: Jeder, der eine gute Idee hat, bekommt keine Abwrack-, sondern eine Aufbauprämie. Mit der kann er zwei bis drei Jahre experimentieren. Vielleicht bekommt er noch einen erfahrenen Berater an die Seite gestellt. Und dann schaut man einfach mal, was da passiert.
http://www.iza.org/

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Zitate aus Meconomy

»Die Wirtschaftskrise hat etwas Gutes. Sie ist so tiefgreifend und systemerschütternd, dass plötzlich Raum entsteht für Fragen: Wie haben wir eigentlich gelebt? Was war uns wichtig, was waren unsere Werte? Soll das so weitergehen? Und: Wie wollen wir eigentlich leben?«

— Claudia Voigt, Der Spiegel

»Mehr mit unternehmerischem Mut als mit Staatsgläubigkeit wollen die Bundesbürger Wege in die Zukunft beschreiten.«

— Horst Opaschowski, Zukunftsforscher

»Es gibt heute keinen Grund mehr, Dinge zu tun, die man hasst. „Sie sollten sich fragen: Was will ich jeden Tag tun, bis ans Ende meines Lebens? Und dann müssen Sie genau das tun. Ich schwöre, dass Sie es monetarisieren können.«

— Gary Vaynerchuk, Videoblogger

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Wichtig: Egal, welche Plattform, welcher Shop und welches Format – das Buch kostet immer 9,99 Euro. Und damit keiner doppelt kaufen muss: Wer mir seine iTunes-Rechnung mailt, dem schicke ich ganz unbürokratisch und umsonst auch das PDF zu (nicht aber andersherum und der Deal geht leider nicht im Zusammenhang mit dem EPUB).

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