Johannes Kleske

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Johannes Kleske arbeitet als Stratege bei Neue Digitale / Razorfish und denkt – nach eigenen Angaben – nach über schlaue Städte, vernetztes Arbeiten und zukünftige Kommunikation. Er hat mehr als 3000 Twitter-Follower und gilt als ausgewiesener Experte in Sachen Social Media.

Johannes, was bedeutet für Dich Arbeit?
Johannes Kleske: Für mich ist essenziell, Dinge zu tun, an denen mein Herz hängt. Deswegen versuche ich, meine Arbeit ständig weiterzuentwickeln und näher an das heranzubringen, was mir "Erfüllung" gibt. Bei dieser Herangehensweise ist aber das Festhängen in einem unbefriedigenden Job nur ein Teilproblem. Meine Beobachtung ist, dass viele ihren aktuellen Job nicht kündigen, weil sie gar nicht wissen, was sie lieber machen würden. Für mich ist die Suche nach Arbeit, an der mein Herz hängt, eine lebenslange Reise. Jede neue Erfahrung hilft mir dabei, meine eigenen Interessen, Talente und Bedürfnisse besser kennenzulernen. Jeder neue Job ist dabei für mich der nächste Schritt in Richtung Ideal, ohne dass ich dieses jemals erreichen werde, da es sich jedes Mal ein Stück weit mit verändert. Wer dabei irgendwann glaubt, seinen Traumjob gefunden zu haben, ist allerdings in der Gefahr, stehen zu bleiben. Und das ist schlicht langweilig.

Der Marketing-Experte und Buchautor Seth Godin behauptet: Es gibt da draußen unendlich viele "Stämme", die darauf warten, dass man ihr Anführer wird. Tu, was Du liebst, dann wird dich die weltweite Plattform von Web 2.0, Mobile Web etc. mit Gefolgschaft, Kunden, Geschäft belohnen. Was hältst Du von Godins Argument?
Kleske: Mir gefällt Godins Definition von Leadership, nicht über Macht und Management, sondern über Leidenschaft, außerordentlich gut. Und ich glaube, dass in der aktuellen Weltwirtschaftslage Leidenschaft wieder eine viel größere Rolle spielen wird. Seit Ewigkeiten sind wir in unserer Jobwahl Kompromisse zugunsten der Absicherung eingegangen. Nun stellen wir entgeistert fest, dass uns kein Job der Welt die Sicherheit bieten kann, die wir uns wünschen. Ich hoffe und glaube, dass für viele diese Feststellung dazu führen wird, dass sie sich sagen: "Sicherheiten gibt es eh keine mehr, dann kann ich ja auch gleich das tun, wofür mein Herz schlägt."

Wie kann das konkret aussehen?
Kleske: Ich glaube, dass wir in den nächsten Monaten und Jahren einen neuen Boom von Handwerk, kleinen Läden und allgemein viel mehr Selbstständigkeit sehen werden. Und meine These ist, dass das uns letztendlich aus der Krise führen wird und dabei viel nachhaltiger in seiner Beständigkeit ist als vor der Krise. Slogans wie "Grow slow, grow strong" treten in den Vordergrund, schnelles Geldverdienen in den Hintergrund.

Grundsätzlicher: Ist es in der digitalen Ökonomie einfacher, sich selbst zu verwirklichen? Kann man sein Leben "hacken" und dadurch optimieren?
Kleske: Für Ideen, die sich in der "digitalen Ökonomie" umsetzen lassen, stimmt das absolut. Wer heute zum Beispiel eine Idee für eine Web-Applikation hat, hat praktisch keine Kosten mehr, außer der Zeit, die er investiert. Die Entwickler-Programme von Google, Microsoft und Amazon, die Entwicklungsumgebung und Serversysteme zur Verfügung stellen, haben den Startaufwand noch einmal enorm reduziert. Der Vorteil der Kostenreduzierung ist auch, dass man viel mehr Ideen als früher austesten kann, um dann zu schauen, was davon funktioniert. Die Flexibilität des Systems sorgt dafür, dass ich nicht erst meinen alten Job aufgeben muss, bevor ich mir nicht sicher bin, dass meine Ideen ankommen. Ich kann sie zunächst in meiner Freizeit entwickeln. Erst wenn sie so erfolgreich sind, dass sie meine ganze Aufmerksamkeit benötigen, kündige ich. Auch in allen anderen Bereichen der digitalen Ökonomie gehen die Einstiegskosten gegen null.

Sind diese Überlegungen in der langsam abklingenden Wirtschaftskrise frivole Luxusprobleme?
Kleske: Im Gegenteil. Ich sehe ich hier enorme Chancen. Gerade was das Gründen und Starten von Unternehmungen angeht, sehe ich sogar einen Vorteil. Es ist massiv schwerer geworden, Geld für halb gare Ideen zu bekommen. Gleichzeitig ist es, wie gerade gesagt, deutlich günstiger geworden, Ideen erst mal auszuprobieren. Ich hoffe, dass Unternehmer in den nächsten Monaten und Jahren wesentlich häufiger klein beginnen und langsamer wachsen werden, dafür aber den Fokus auf Qualität und Service legen. Das Beste, was die Krise für uns tun konnte, ist uns von unserer Gier nach schnellem Wachstum zu heilen.

Du bist Experte für Social Media, Gary Vaynerchuk – eine Galionsfigur der Selbstverwirklichung in der digitalen Ökonomie – ist Wein-Videoblogger. Beides Berufe, die es vor fünf Jahren noch gar nicht gab. Was bedeutet das für Berufswahl und Ausbildung – was sollen junge Menschen lernen, wie sich ältere weiterbilden? Versteht Deine Familie, was Du tust?
Kleske: Im Detail verstehen Teile meiner Familie sicher nicht, was ich machen. Das kommt vor allem auch daher, dass immer dann, wenn sie es verstanden haben, ich schon wieder etwas leicht anderes mache. Das liegt daran, dass ich nicht mehr an "Berufe" glaube. Die Dinger, die man lernt und dann ein Leben lang ausübt. Meine "Berufswahl" ist ein ständiger und nie endender Prozess. Meine Tätigkeiten entwickeln sich stetig weiter, weil meine Interessen und mein Umfeld sich ständig verändern.

Du blogst und twitterst täglich, reist zu Technologietreffen durch die Welt, machst "nebenher" noch einen regulären Job …
Kleske: Dieser komplexe Lebensstil ist Ausdruck meiner grundsätzlichen Herangehensweise an mein Leben. Ich hinterfrage ständig den Status quo und suche nach neuen Ideen, Dinge anders anzugehen. Mein Problem dabei: Ich kann mich nicht nur auf einen Bereich beschränken, weil mich viel zu viel interessiert. Wäre ich zum Beispiel einfach nur ein Social-Media-Stratege, wie es auf meiner Visitenkarte der Agentur steht, hätte ich genug Fokus, um mein Leben recht einfach und gerade zu halten. Aber da sind auch noch Themen wie zum Beispiel Stadtplanung, Retail, Kreativität, Kirche im 21. Jahrhundert, die Fashionindustrie oder die Zukunft der Arbeit, die mich faszinieren. Ich kann mich schlicht nicht für eine Auswahl entscheiden, weil das mein Wesen nicht zulässt. Und ja, diese Art zu leben führt auch manchmal dazu, dass ich mir vorstelle, wie ein Leben mit einem einfachen 9-to-5-Job, einem Abend vor dem Fernseher und dem Jahresurlaub auf Malle wohl wäre. Ich würde es wahrscheinlich geschätzte zwei Tage aushalten.

Du arbeitest viel mobil, in der Bahn, dokumentierst das auch via Twitter. Ist das eine bessere Arbeitsweise als jeden Tag ins Büro zu gehen?
Kleske: Mobil zu arbeiten ist für mich gegenüber der Büroarbeit keine Frage von besser und schlechter. Im Gegenteil, ich gehe gerne ins Büro. Das Büro ist für mich der richtige Ort für menschliche Interaktion, die für mich essenziell für meine Arbeit, aber auch für mich als Mensch ist. Allerdings ist das Büro ein schlechter Ort, um konzentriert arbeiten zu können. Ständige Unterbrechungen machen es praktisch unmöglich, den berühmten Flow-Zustand zu erreichen, in dem es einfach "flutscht". Die ideale Arbeitsweise ist für mich also die Kombination aus gemeinschaftlicher Büroarbeit und konzentrierter Arbeit für mich allein. Je freier ich selbst Tag für Tag das Verhältnis der Kombination wählen kann, desto optimaler kann ich arbeiten.

Bist Du ein Digitaler Nomade? Was bedeutet der Begriff für Dich?
Kleske: Als Digitale Nomaden würde ich Leute definieren, die sich die Technik zunutze machen, um sich bei ihrer Arbeit fast vollständig unabhängig von ihrem Aufenthaltsort zu machen. Das ermöglicht ihnen, ihren "Wohnort" beliebig häufig zu wechseln und auf der ganzen Welt zu leben. Alles, was sie zum Arbeit brauchen, ist Strom und Internet. Kommunikation mit Kunden und Partnern läuft fast ausschließlich über digitale Tools wie VoIP, Online-Meeting-Räume, Instant Messenger und E-Mail.

Was ist der Vorteil dieser Arbeits- und Lebensweise?
Kleske: Ich muss nicht mehr auf die Rente warten, um Zeit für die Weltreise zu finden. Gleichzeitig kann es klare wirtschaftliche Vorteile haben, Arbeit vom Ort zu trennen. So kann ich meine Arbeit in reichere Länder verkaufen, während ich selbst in einem Land mit niedrigen Lebenskosten residiere. Und schon wird Globalisierung zu einem Vorteil, den nicht mehr nur große Konzerne sondern auch Einzelpersonen nutzen können.

Aber für wen gilt denn das tatsächlich? Sprechen wir nicht von einer privilegierten Minderheit?
Kleske: Wenn man sich ansieht, wie wenig Menschen derzeit diesen Lebensstil leben, stehen wir überhaupt erst am Beginn dieser Bewegung. Somit gewinnt der Begriff erst an Relevanz und damit Aktualität. Man darf nicht vergessen, hier geht es um ein recht grundsätzliches Umdenken, wie man Arbeit, Reisen und Leben sieht und angeht. Für solche Denkprozesse brauchen wir in der Regel deutlich länger, als wir glauben.

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Zitate aus Meconomy

»Starting your own business is risky, but the recent economic turmoil suggests that we should recalibrate our notions of safety. The working world used to be divided into safe but boring jobs, and exciting but risky ones. Of late, many of the supposedly safe professions have been decimated – which should help us let go of illusions of safety.«

— Alain de Botton, Monocle‚ Small Business Guide’ 2009/10

»Gib den Menschen Kontrolle und wir werden sie nutzen. Tue es nicht und Du wirst uns verlieren.«

— Jeff Jarvis, Medientheoretiker

»Glauben Sie an das, was Sie tun? Jeden Tag? Es stellt sich heraus, dass glauben eine brillante Strategie ist. Immer mehr Menschen merken gerade, dass sie sehr viel arbeiten und dass es sehr viel befriedigender ist, an etwas zu arbeiten, an das sie glauben und Dinge zu bewegen, als einfach nur jeden Monat sein Gehalt zu bekommen und darauf zu warten, gefeuert zu werden (oder zu sterben).«

— Seth Godin, Management-Autor

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