Timo Off

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Timo Off berät nach einigen Jahren als Lehrer heute das Schleswig-Holsteinische Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen und betreibt eine Agentur für Kommunikationstraining, in der er Lehrer fortbildet. Off beschäftigt sich mit der Auswirkung neuer Technologien auf Bildung.

Du argumentierst, dass wir alle eine Patchwork-Identität haben. Was bedeutet das für Dich genau und inwiefern trifft es auf Dich selbst zu?
Timo Off: Ja, wir haben das in uns, der eine mehr, der andere weniger. Es gibt erfüllte Menschen, die in nur einem Aspekt voll aufgehen, deren Patchwork aus nur einem Flicken besteht. Potenziell ist das Leben allerdings bunter als nur eine Spur. In meiner Twitter-one-line-Bio steht: „7 Themen, 7 Leben, alles meins: Ideen finden, Ideen präsentieren, Bücher schreiben, Schulentwicklung, Bücher lesen, Familie, Handball." Das ergibt dann eine fröhliche Terminkollision allerorten und mir ein gutes Gefühl, derzeit genau das zu tun, was ich will.

Bist Du ein Einzelfall oder siehst Du hier einen Trend?
Off: Das moderne Leben und die "neuen" Arbeitsformen verstärken diesen Trend. Während unsere Eltern es früher für erstrebenswert und normal hielten, an nur einem Arbeitsplatz 40 Jahre zu arbeiten, ist dies heute für viele undenkbar. Es ist meiner Großmutter unerklärlich, dass sogar ein Arbeitsplatz in einer Bank unsicher sein kann. Die Welt rückt dabei enger zusammen, wir können unglaublich einfach weltweit Kontakte knüpfen, Dinge oder Ideen kaufen oder verkaufen. Wir können, wenn wir wollen, in anderen Ländern leben und arbeiten oder zu Hause sitzen bleiben und dennoch weltweit agieren. In diesem Strudel an Wandel kann jeder Einzelne für sich entscheiden, wie er diese Veränderungen leben will: aktiv oder passiv. Dass sie passieren, dass wir unseren Arbeitsplatz immer öfter wechseln, kann man erleiden, kann man als Geschubster, als Spielball erdulden.

Wir nehmen das Leben selbst in die Hand?
Off: Aus meiner Sicht haben wir immer mehr Möglichkeiten, nicht das Schicksal bemühen zu müssen, wenn wir unser Leben erklären. Nicht mehr Eltern oder das Umfeld entscheiden fast schicksalhaft über den Sprössling, sondern die freie Entscheidung rückt immer weiter nach vorne. Wie will ich leben – das ist unsere Aufgabe. Sloterdijks letztes Buch "Du sollst dein Leben ändern" zitiert übrigens diesen Aspekt, dass wir immer unfertig sind und uns in Dinge einüben, stetig trainieren und lernen.

Welche Rolle spielt das Internet mit seinen Communitys und Interessengemeinschaften?
Off: Das Internet ist die Chance, dieses Patchwork zu leben, auszufüllen. Aus meiner Sicht ist das ein Ausdruck von Freiheit des Menschen. Bleibe ich bei mir: Mit Internet potenziere ich meinen Wirkungskreis. Ich bin nicht sicher, ob ich vor 30 Jahren so leicht "meine Nische" hätte bearbeiten können, so leicht eine riesige Menge an Artikeln zur Kreativität hätte finden können, ein Netzwerk von Gleichgesinnten hätte aufbauen können. Was hätte ich tun können, wenn ich "alles" zur Ideenfindung lesen wollte: Bücher suchen? Wie hätte ich von Neuerscheinungen zum Spezialgebiet zeitnah erfahren? Gab es Zeitschriften? Hätte ich Briefe mit anderen Experten geschrieben? Und dann? Ein Buch schreiben? Einen Fachartikel lesen oder einen Fachkongress besuchen? Heute ist es schneller und ich liebe das: Ich schreibe selbst ein Blog und dadurch erhalte ich Rückmeldungen, trete in ein Gespräch, präzisiere meine Sicht, schreibe wieder neu und Neues entsteht. Nur durch das Internet habe ich so leicht und schnell inspirierende Menschen mit ähnlichen Interessen finden können.

Wie integriert der moderne Mensch die verschiedenen Aspekte seiner Patchwork-Identität?
Off: Das ist eine große Aufgabe und die Balance müssen wir Patchworker uns immer wieder auf allen Seiten erarbeiten oder zuweilen erstreiten. Denn als Patchworker sind wir immer nur zu einem Teil anwesend. Ein anderer Teil ist bald schon wieder an anderer Stelle. Dieses Patchwork weben wir, indem wir uns und anderen unsere Lebensgeschichte erzählen. "So bin ich, das kann ich, diese Dinge tue ich gern und gut, mit diesen Gleichgesinnten umgebe ich mich." Wenn sich dann im Erzählten zwischen innen (so denke ich, das bin ich, so will ich sein) und außen (so werde ich wahrgenommen) eine gute Passung ergibt, fühlen wir uns kohärent, stimmig, authentisch. Manche Spannung muss man dann auch aushalten können. Vielleicht lässt sich nicht alles auflösen und vielleicht liegt ja darin auch eine Menge Energie und Reiz.

Können wir uns heute ständig neu erfinden?
Off: Wohin ich auch gehe, wohin ich mich auch verändere, ich nehme mich und einen Großteil meiner mich prägenden Eigenschaften mit. Insofern nenne ich es nicht "neu erfinden", sondern weitere Facetten hinzufügen, lernen und etwas anderes machen.

Was bedeuten fragmentierte Identität und lebenslanges Sich-neu-Erfinden für die Bildung? Nutzen Schule, Uni, Ausbildung noch oder müssen wir das selbst in die Hand nehmen?
Off: Das Bild einer fragmentierten Identität ist ja noch recht neu und als solches sicher nicht in der Bildung angekommen. Schule und Uni bilden immer noch aus, als ob es mono-beruflich durchs Leben ginge. Lernen als Grundhaltung, Schule oder Uni als Ort, an dem man als Schüler gerne ist, weil Lernen eine erfüllende, Sinn gebende Tätigkeit ist, ist noch zu selten. Die Haltung, "wir lernen das, weil es im Lehrplan oder im Lehrbuch steht", gibt es leider immer noch. Weiterhin wird es für die speziellen Interessen des Einzelnen nach Schule, neben Uni und Ausbildung einen weiteren Markt geben. Denn Schule wird nicht alles anbieten können.

Du arbeitest auch im Bereich der Schulentwicklung. Was müssen Politik und Bildungsinstitutionen jetzt tun? Was muss sich ändern?
Off: Seit der empirischen Wende in der Schul- und Unterrichtsentwicklung ist die Qualitätsdiskussion voll im Gange. Endlich unterhalten wir uns darüber, was wir von unseren Schülern erwarten, wenn sie nach 9 oder 10 Jahren einen Abschluss erhalten. Es geht bei diesen Abschlüssen um Eintrittskarten in die Zukunft, die wir da vergeben. Auf allen Ebenen gibt es dann etwas zu verbessern: individuelleres Fordern der Schüler, bessere Differenzierung im Unterricht und noch mehr wirkliche Fragestellungen in der Schule. Damit meine ich: weniger Lehrbuch abarbeiten und mehr echte Projekte aus dem Leben erarbeiten. Und die sogenannten "Neuen" Medien haben bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel – da kann man in der Schule sicher noch zulegen, damit zuerst die Lehrer fit sind. Dass gerade viele junge Lehrer kompetent mit Tools aus dem Web 2.0 oder dem Computer allgemein umgehen, zeigt, dass sich hier einiges tut.

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Zitate aus Meconomy

»Mehr mit unternehmerischem Mut als mit Staatsgläubigkeit wollen die Bundesbürger Wege in die Zukunft beschreiten.«

— Horst Opaschowski, Zukunftsforscher

»Sicherheiten gibt’s eh keine mehr. Macht doch, wofür Euer Herz schlägt.«

— Johannes Kleske, Social-Media-Experte

»Gib den Menschen Kontrolle und wir werden sie nutzen. Tue es nicht und Du wirst uns verlieren.«

— Jeff Jarvis, Medientheoretiker

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